Paradigma – ein Brett vor dem Kopf

Hühner wissen nicht, wie eine menschliche Welt im einzelnen auszusehen hat, sie verzichten darauf, gesellschaftlich-politische Utopien zu formulieren. Obwohl das bitter nötig wäre. Moralische Prinzipien wie zum Beispiel die Gewissens-, Glaubens- und Meinungsfreiheit werden auch heute noch behindert und unterdrückt. Um so mehr bedarf es gerade in unserer Zeit das Einstehen für aufgeklärte und humanistische Ideale.

Epiktet formuliert in etwa so: „Die richtige Entscheidung ist die, sich um die eigenen Dinge zu kümmern, also um die, über die man die Macht hat; das ist die sittliche Grundentscheidung, die jeder Mensch zu treffen hat.“ Man würde das auch vor der eigenen Türe kehren nennen. Oder auch in der Familie, bei der Arbeit ein Vorbild sein. Eben dort handeln und ethisch sichtbar werden, wo wir gerade sind, was wir unmittelbar beeinflussen können.

Anders als bei den Epikuräern, bedeutet das „sich um die eigenen Dinge zu kümmern“ für die Stoa jedoch nicht, sich vom öffentlichen Leben fern zu halten. Der Grieche ist ein Mensch der Gesellschaft. Gesellschaftspolitik gehört also zu seinen eigenen Dingen. Die Entwicklung geht vom Ich zum Du. Dazu gehört auch die Einsicht, daß Gemeinsinn und Zusammenhalt ein bedeutender Wert ist, der wiederum für den Einzelnen Belohnung bereit hält. Altruismus wäre in diesem Sinne nutzbringender, sozialer Egoismus.

Bei dem Schritt von der guten Einsicht zum besseren Tun verhält es sich wie mit dem Segelboot: Die Einsicht sagt, wohin es gehen soll, wie das Boot im Wasser liegen muß und wie seine Segel gesetzt sein müssen, damit es in die richtige Richtung segelt. Aber segelt es überhaupt? So lange kein Wind bläst, tut sich gar nichts. Und in der Moral ist es genauso: So lange wir nur wissen, was wir tun sollten, stimmt die Richtung, aber es tut sich überhaupt nichts. Erst wenn eine emotionale Kraft anfängt, uns unter seelischen Druck zu setzen, fangen wir an, uns in die richtige Richtung zu bewegen: das Gewissen bewegt uns, wie der Wind das Boot bewegt.

Einsicht kann sich im schöpferischen Denken entwickeln, wenn man sich traut, eigenen Denkwegen zu folgen. Nicht nur der Widerstand der Außenwelt muß überwunden werden, auch Denkverbote der Art „So darfst du nicht denken!“ dürfen nicht störend im Wege sein. Mut ist erforderlich und die Bereitschaft, sich auf Unbekanntes einzulassen.

„Ein Paradigma ist das Brett, das alle vor dem Kopf haben. … Es sind Voraussetzungen, die keiner mehr hinterfragt.“ – Ernst Peter Fischer, Wissenschaftshistoriker

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Immer wieder das Gespräch

Ohne kritischen Einspruch, ohne das Engagement unbequemer Denker verkümmert eine Gesellschaft. Wir brauchen Streit und Widerspruch, wir brauchen die Zumutungen und Fragen unabhängiger Köpfe.“ sagte Roman Herzog. Offensichtlich war er der Meinung, daß nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Er sieht wohl den Staub, der sich neblig über die Gesellschaft legt. Er sieht Probleme, die jetzt zu lösen notwendig wären.

Probleme lassen sich allerdings nicht mit den Denkweisen lösen, die zu ihnen geführt haben. Also müssen wir als Erstes unser eigenes Denken reflektieren. Ein Paradigma ist das Brett, das alle vor dem Kopf haben. Voraussetzungen, die keiner mehr hinterfragt. Aber „Humanität kann nicht in der Einsamkeit entstehen.“ sagt ganz richtig Karl Jaspers.

Heidegger schreibt in Sein und Zeit: „Der Mensch zeigt sich als Seiendes, das redet.“ Heute würde er wohl sagen, daß der Mensch  „…ein Seiendes ist, das twittert.“ Reden heißt, dem Gegenüber nah sein, eine Brücke zum Anderen schlagen. Obschon die Rede als solche nicht zur Verständigung führt, sondern Verständnis führt zur achtsamen Rede. Verständnis bedeutet, sich mit Respekt dem Anderen nähern.

Was ist die Perspektive? Die Menschen wollen, gerade in unsicherer Zeit, Authentizität. Sie haben eine wachsende Sehnsucht nach allgemeinmenschlichen Idealen, nach unmittelbarer Begegnung mit dem Anderen und nach einer direkten Sprache, die aus dem Herzen kommt. Sie haben Sehnsucht nach der begründeten Einheit von Idee und Tat, die der eine am anderen erleben kann. Sie haben, kurz gesagt, Sehnsucht nach einem echten, pluralitätsfähigen Ideenrealismus. Die Perspektive ist wohl deshalb: einen Weg zu finden, Pluralismus und Idealismus miteinander zu verbinden. Sie geht hervor aus einem ursprünglichen Imupuls des anschaulichen Lebens. Dieser Impuls umschließt nicht nur das Staunen, sondern gleichwertig das Zweifeln. Sie äußert sich

– als Wahrhaftigkeit im Sprechen

– als Ernsthaftigkeit im Denken

– als Gewissenhaftigkeit im Handeln.

Diesen drei Grundbereichen der Philosophie, die erstmals Plato unterschieden hat – dem Wahren, dem Guten, dem Schönen –, könnten wir Raum in unserem Leben geben.

Das meint auch jene Stichworte: Trennendes überwinden, Gegensätze abbauen, Verständigung suchen, Mitverantwortung übernehmen, Brücken bauen, Zivilcourage zeigen. Mutig streiten gegen Chauvinismus und Dogmatismus. Mitleidig sein, Anteil nehmen am Schicksal Anderer. Standesdünkel bekämpfen, Vorurteile nicht zulassen. Offen sein für das Gespräch. Redlich und anständig sein. Das kann man wollen, das kann man lernen, das kann man miteinander einüben, das kann man tun.

Authentizität und Sehnsucht

In seiner Anthropologie in pragmatischer Hinsicht schrieb Immanuel Kant: „Sich selbst unmündig zu machen … ist doch sehr bequem und natürlicherweise kann es nicht an Häuptern fehlen, die diese Lenksamkeit des großen Haufens (weil er von selbst sich schwerlich vereinigt) zu benutzen, und die Gefahr, sich ohne Leitung eines anderen, seines eigenen Verstandes zu bedienen, als sehr groß, ja als tödlich vorzustellen wissen werden. Staatsoberhäupter nennen sich Landesväter, weil sie es besser als ihre Untertanen verstehen, wie diese glücklich zu machen sind; das Volk aber ist, seines eigenen Besten wegen, zu einer beständigen Unmündigkeit verurteilt.“ Dieses innere Hemmnis kommt uns das doch irgendwie bekannt vor.

Wir besitzen aber auch einen ursprünglichen Imupuls des anschaulichen Lebens. Dieser Impuls umschließt nicht nur das Staunen, sondern ebenso das Zweifeln. Die aus Staunen und Zweifeln geborene Nachdenklichkeit mit Reflexion und Selbstreflexion. Sie äußert sich als Wahrhaftigkeit im Sprechen, als Ernsthaftigkeit im Denken, als Gewissenhaftigkeit im Handeln, als Heiterkeit im Erspüren und Erschauen des Schönen in der Welt.

Viele Menschen wollen in dieser unsicheren und wandelvollen Zeit Authentizität. Sie haben eine wachsende, wenn auch oft konfuse Sehnsucht nach allgemeinmenschlichen Idealen, nach unmittelbarer Begegnung mit dem „Anderen“ und nach einer direkten Sprache. Sie haben Sehnsucht nach der begründeten Einheit von Idee und Tat. Sie haben, kurz gesagt, Sehnsucht nach einem echten, pluralitätsfähigen Ideenrealismus. Wie finden wir also einen Weg, Pluralismus und Idealismus miteinander zu verbinden?

Dieses sind Fragen der Moral. Aber was bedeutet das? Im wesentlichen doch wohl ein Sprechen über das, was getan werden soll, und das, was nicht getan werden darf; im Grunde also ein Nachdenken über die verschiedenen Formen der Achtung des Anderen, wobei wir selbstverständlich stets immer auch der jeweils Andere sind: den Anderen nicht benutzen, ihn nicht wie eine Sache behandeln, ihm nicht grundlos Unrecht zufügen usw. Die Moral ist dann von Bedeutung, wenn es an ihr mangelt, weil sie die Bedingung für ein friedliches und zivilisiertes Zusammenleben darstellt.

Ohne kritischen Einspruch, ohne das Engagement unbequemer Denker verkümmert eine Gesellschaft. Wir brauchen Streit und Widerspruch, wir brauchen die Zumutungen und Fragen unabhängiger Köpfe.“ sagte der Altbundespräsident Roman Herzog, .

Alles geht vom Menschen aus und führt zum Menschen zurück. Dies ist die Suche nach Lebensqualität und Sinn: Trennendes überwinden, Gegensätze abbauen, Verständigung suchen, Mitverantwortung übernehmen, Brücken bauen, Zivilcourage zeigen. Mutig streiten gegen Chauvinismus und Dogmatismus. Emphatisch sein, Anteil nehmen am Schicksal Anderer. Standesdünkel bekämpfen, Vorurteile nicht zulassen. Offen sein für das Gespräch. Redlich und anständig sein. Das kann man wollen, das kann man lernen, das kann man miteinander einüben, das kann man tun.

Begründete Hoffnung

Ich fand dieses Zitat von Václav Havel: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, daß etwas gut ausgeht, sondern die Gewißheit, daß etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“

Das paßt sehr gut in die heutige Zeit. Dieser Satz begegnet den verdrucksten Menschen, die ein „Es hat doch keinen Sinn“ auf ihrer Stirne geschrieben herumtragen. Es bedeutet, daß ich genau das machen sollte, was ich für sinnfällig und richtig erachte. Unabhängig von Belohnungen, Ehrerweisungen, gegen Geschwätz und destruktiven Gegenreden. Ohne Zweifel an der eigenen Haltung eine eigene Gültigkeit zu besitzen: das ist wohl jene Hoffnung, von der Havel spricht. In dieser Hoffnung ist Stärke und Selbstbewußtsein, ist wirkliches Leben.

Toleranz & Karl Popper

Es gibt Sätze, die dürfen und sollten oft in’s Gedächtnis gerufen werden. In diesem Fall möchte ich Karl Popper zitieren:

Das Paradox der Toleranz: Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die unbeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen (….)

Wir sollten daher im Namen der Toleranz das Recht für uns in Anspruch nehmen, die Unduldsamen nicht zu dulden. Wir sollten geltend machen, dass sich jede Bewegung, die Intoleranz predigt, außerhalb des Gesetzes stellt, und wir sollten eine Aufforderung zur Intoleranz und Verfolgung als ebenso verbrecherisch behandeln wie eine Aufforderung zum Mord, zum Raub oder zur Wiedereinführung des Sklavenhandels.“ Aus: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Mohr Siebeck, Tübingen.

Das ist ein Schaulaufen auf sehr dünnem Eis. Sehr genau und analytisch muß eine Sache betrachtet werden, vorurteilsfrei und Faktengewiß. Freiheit der Rede, Freiheit der Gedanken sind zu kostbar um ihnen achtlos zu begegnen. Tatsächlich muß man sich umfassend informieren und im Gespräch bleiben, auch mit Andersdenkenden, sofern sie es zulassen.

Achtsamkeit gestaltet die Qualität des Augenblickes. Denn es  geschieht durchaus, daß je näher man seinem Gegenüber kommt, desto deutlicher aus einem Feind ein Gegener, aus einem Gegner ein Gesprächspartner wird. Und dennoch: es gibt Grenzen, die auf beiden Seiten nicht zu überschreiten sind. Sie muß man kennen.